Donnerstag, 16. August 2007

Vom Pilgern und vom Reisen

„Ich bin dann mal weg” heißt das Buch von Hape Kerkeling, das er über seine Wanderung auf dem spanischen Pilgerweg Santiago de Compostela geschrieben hat. Dieses Buch hält sich seit seinem Erscheinen, das heißt seit Jahren, fast unverändert auf Platz 1 der Bestsellerliste. Nun verfügt Hape Kerkeling sicherlich über einige Talente und Fähigkeiten, die des Schreibens gehören sicher nicht dazu.

Es muss also einen anderen Grund haben, warum dieses Buch gekauft und sicherlich auch gelesen wird. Zum einen ist es wohl der verlockende Wunsch nach einem zumindest vorübergehenden Aussteigen aus der Zivilisation. Und zwar ohne die Mühsal selbst auf sich zu nehmen. Etwas zu erleben, ohne es selbst zu leben, sondern zuhause auf der Couch liegen zu bleiben. Sozusagen sich pilgern zu lassen. Ein Trend der Secondhand-Erlebnisse, der Reality-Sendungen im TV unter diversen Abenteuer-Erlebnissen aus zweiter Hand.

Das mag das eine sein. Zum anderen ist es ganz sicher auch die große Sehnsucht der Menschen nach Veränderung. Veränderung an sich selbst und an seiner Persönlichkeit. Sich auf den Weg machen, im wortwörtlichen Sinne, sich aufmachen und ankommen. Bei sich ankommen. Die uralte Sehnsucht vom Menschen, gleichzeitig Veränderung und Beständigkeit zu vereinbaren. Diesem Gefühl entspricht das Buch von Hape Kerkeling, und zwar ohne aufgesetztes Hinterfragen, ohne pädagogischen Zeigefinger, und ohne Schaut-her-so-toll-bin-ich-Attitüden. Glaubwürdig und authentisch.

Etwas Drittes kommt dazu, um dieses Buch über das Pilgern eines Mannes zum Bestseller werden zu lassen: Es ist der Zeitgeist des Reisens. Urlaub machen wird wieder zum Reisen. „Man reist nicht um anzukommen, sondern um Unterwegs zu sein” sagte J. W. von Goethe. Er hat das Reisen an sich als Genuss angesehen. Dabei war es, verglichen mit heute, verbunden mit großen Beschwernissen zur Überwindung von Entfernungen. Wir sind es inzwischen gewohnt, Ziele zu „machen”. Länder, Kontinente abzuhaken. Dom. Rep. all inclusive, www.billig-weg .de – Schlagworte und Zeichen einer Zeit, in der alles größer, besser und schneller sein musste. Eine Art Reise-Bulimie: Unkontrolliertes Aufnehmen beim Urlauben, der Shopping-Tour, dem Survival-Training, zum Last-Minute-Angebot und selbstverständlich all inclusive. Der Wandel im Zeitgeist setzt ein wie zum Beispiel auch beim Slow-food; also auch beim Urlaubs-Erlebnis und der Urlaubsplanung. Der Urlaub scheint wieder zum Reisen zu werden. Und so trifft dieses Buch auch hier mitten in das Herz und Empfinden des Lesers. Den Wandel haben auch Andere wahrgenommen. So bringt das Fernsehen/ZDF eine groß angelegte Serie über den Pilgerweg Santiago de Compostela; im Internet informiert das Internet-Portal www.pilger-weg.de über die bekanntesten Pilgerwege. Die andere Art zu reisen.

Alexander Russ - info@wellnessberatung24.de