Unsere Reise beginnt in Litauen auf der Kurischen Nehrung, berühmt für mächtige Wanderdünen und malerische Fischerdörfer. Die Kurische Nehrung, eine fast 100km lange Landzunge, teilen sich Russland und Litauen. Auf der einen Seite eine fast undurchdringliche Wildnis aus Wasser und Land, die sich in den Weiten des Haffs verliert. Auf der anderen Seite gewaltige Wanderdünen, die zu den größten Europas zählen. Der Wind ist der Baumeister in dem wüstenhaften Land. Für Natur und Bewohner der Halbinsel ist es ein ständiger Kampf mit den Elementen. Über alles, was auf dem Weg liegt, wälzen sich die Dünen hinweg. Viele Fischerdörfer haben die Sandmassen begraben. Erst nach Jahren tauchen die Überreste der Häuser wieder auf. Heute sind die Wanderdünen meist durch Pflanzungen befestigt.Die Kuren waren meist Bauern und Fischer. Die Schönheit der Halbinsel zog stets Gäste an, darunter auch Maler und Künstler. Als Beispiel der Schwiegermutterberg mit dem Sommerhaus des Schriftstellers Thomas Mann, der hier drei Sommer verbrachte. Auf der Nehrung fanden viele Erholung und Inspiration. Bis heute ist das so geblieben. In manchen Dörfern am Haff scheint die Zeit still zustehen.
In kaum einem anderen Land brühten die Weißstörche so zahlreich, wie in Litauen. Kein Wunder, dass er zum Nationalvogel des Landes wurde. Die meterhohen Nester sind nicht selten imposante Gebilde. Jedes Jahr wird mit Eifer daran weitergebaut. Manche sind schon über hundert Jahre alt. Schwingen sich Störche in den Himmel, reicht ihr Blick bis an die russische Grenze, die die Dünen in einer fast unsichtbaren langen Linie quert. Allzu leicht kann man sich als Wanderer in diesem Meer aus Sand verlaufen. Hier patrouillieren jeden Tag mehrere Soldaten auf einer der einsamsten Strecken Europas.
Von den Wanderdünen der Kurischen Nehrung geht unsere Reise weiter zu den felsigen Küsten Estlands, der Heimat der seltenen Ostsee-Kegelrobbe. Weiter nordwestlich zwischen Finnland und Schweden liegt das Schärenmeer. Die langen Sandstrände Litauens und Lettlands werden auf der Insel Saaremaa von Felsen abgelöst, der sich kaum von der Wasserlinie hebt. Saaremaa ist mit 2.673 km² die größte Insel Estlands und die drittgrößte Ostseeinsel. An Land bildet der Kalkstein manchmal eigenartige Muster. Das Klima der Insel ist rau. Vom Leuchtturm aus westwärts 300 km nichts weiter, als das offene Meer. Menschen fanden auf der steinigen Insel immer nur ein bescheidenes Auskommen. Doch so karg das Land auch ist, so reichhaltig ist die See.
Mitte Juni, wenn an Estlands Küste die Sonne kaum noch untergeht, herrscht geschäftiges Treiben bis weit in die Nacht. Die Abendsonne verleiht den Blumen und Tieren sanfte Farben. Prachtvolle Eiderentenerpel bilden große Gruppen, die um die Gunst der Weibchen guhlen. Solche Herrenklubs können bis zu 100 Tiere umfassen. Besonders am Ende der Brutzeit, wenn es nur noch wenige freie Damen gibt. Hat sich das Weibchen allerdings schon entschieden, oder ist sie nicht in Stimmung, blitzen die Erpel ab. Dann wiederholt sich das Schauspiel später an einer anderen Stelle. Bei den Eiderenten hat sich erster Nachwuchs eingestellt. Dem Guken schließen sich immer wieder kükenlose Weibchen an. Manche adoptieren so gar fremden Nachwuchs, der von seinen Müttern verlassen worden ist. So bilden sich regelrechte Kindergärten, in denen 2 oder 3 Weibchen bis zu 80 Küken betreuen.
Die Gewässer um Vilsandi gehören zu den unzugänglichsten der Ostsee. Die Kegelrobben wissen das zu schätzen. Sie bilden in der Ostsee einen eigenen Bestand. Seit über 9000 Jahren, seit Ende der letzten Eiszeit sind sie von ihren Verwandten in der Nordsee isoliert. Im Frühjahr versammeln sich die Tiere an der Küste, um das Fell zu wechseln. Nur außerhalb des Wassers kann sich das neue Haarkleid gut entwickeln. Robben sind an Land recht unbeholfen. So sind bequeme Ruheplätze sehr begehrt. Die stattlichen Bullen werden über 300kg schwer und sind in der Regel nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen. Für die unförmigen Tiere ist es recht mühsam, sich an Land fortzubewegen. Sie sind zwar kräftig, aber ihre Flossen geben nur schwachen Halt. Im Wasser wirken Robben wie verwandelt. Dank der stromlinienförmigen Gestalt sind sie elegante und ausdauernde Schwimmer. Sie können über 100 km an einem Tag zurücklegen. Ihr Blut bindet sehr viel Sauerstoff, so dass es ihnen nicht schwer fällt, über 20 Minuten zu tauchen. Manchmal reicht es gar zu einem kleinen Nickerchen am Meeresgrund. Obwohl Kegelrobben in Estland Schutz genießen, haben sie in der Ostsee einen schweren Stand. Die Jagd und die Gifte im Wasser haben ihnen stark zugesetzt. Von ehemals 300.000 Tieren sind nur noch 15.000 geblieben.
Autor: Erich Hartmann - Erich [dot] Hartmann [at) web [dot] de























